camporio

Wiederbelebung: Jeder kann helfen!

Geschrieben am 19.05.2018
von Camper-Coach

Liebe Camporios,
wisst ihr noch, wann ihr das letzte Mal an einem Erste Hilfe-Kurs oder an einem Kurs für Wiederbelebung teilgenommen habt? Wahrscheinlich, wie die meisten unter uns, zur Führerscheinprüfung.

Viele wissen daher nicht mehr, wie es geht, was sich verändert hat und haben Angst davor, im Ernstfall zu helfen und eine Wiederbelebung durchzuführen. Da dieses Thema sehr wichtig ist und wir jederzeit damit konfrontiert werden können, war ich für euch im Zentrum der Kardiologie der Universitätsmedizin in Mainz und habe mich mit dem Wiederbelebungs-Experten und Oberarzt der Intensivmedizin Dr. med. Ingo Sagoschen getroffen. (Alle Infos & Fakten zur Wiederbelebung könnt ihr euch auch im Video anschauen.)

Es ist Fakt, dass in Europa alle 90 Sekunden ein Herz-Kreislauf-Stillstand passiert. Allein in Deutschland sterben daran jährlich 100.000 Menschen. 10.000 davon könnten gerettet werden, wenn mehr Menschen es wagen würden zu helfen! Dies verdeutlicht, wie wichtig die Wiederbelebung oder „Laienreanimation“ ist.

10.000 Menschen lassen wir also sterben, weil wir Angst haben zu helfen oder darin nicht augebildet sind! Deutschland steht fast auf dem letzten Platz, weit hinter den Niederlanden oder Norwegen. Nur in 20% der Fälle beginnt in Deutschland ein Zeuge die Wiederbelebung. In den Niederlanden oder Norwegen sind es 65% bzw. 70%. Der Herz-Kreislauf-Stillstand ist auch deshalb die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und im Vergleich zu Krebs und anderen Krankheiten so kinderleicht zu bekämpfen.

Aber warum haben wir so eine Scheu davor zu helfen, warum trauen wir uns nicht?

Wieso fällt es Kindern leichter als uns Erwachsenen zu helfen? Jeder kann Leben retten, auch schon Kinder. In den Niederlanden und Norwegen ist dies z.B. völlig normal. Dort werden Kinder bereits in der Schule in der Ersten Hilfe ausgebildet. Bei uns passiert dies erst zur Führerscheinprüfung. Wer es einmal kann, der verlernt es auch nicht und traut sich im Ernstfall auch zu helfen. Uns in Deutschland fehlt also schlicht und ergreifend die Ausbildung in der Ersten Hilfe. Würden wir diese bereits in der Schule erlernen, könnten also viel mehr Menschen geholfen werden. Wir Erwachsenen haben auch oftmals einfach Angst davor, etwas falsch zu machen. Jemanden dabei zu verletzen oder noch schlimmer, mich dabei sogar strafbar zu machen. Dieser Gedanke ist jedoch völlig falsch! Alles was ich im Rahmen der Ersten Hilfe mit gesundem Menschenverstand mache, darf ich auch tun und kann für nichts zur Rechenschaft gezogen werden. Andersherum, helfe ich einem Menschen nicht, leiste keine Erste Hilfe, dann mache ich mich definitiv strafbar!

Ein Krankenwagen errreicht den Unfallort durschnittlich nach 8-12 Minuten. In ländlichen Regionen kann es auch mal länger dauern. Ein Herz kann nach 10-15 Minuten wieder in Gang gesetzt werden, unsere Gehirnzellen sterben allerdings nach 3-5 Minuten ohne Sauerstoff ab und es kommt zu irreparablen Schäden. Jede Minute die verstreicht, in der die betroffene Person nicht reanimiert wird, reduziert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10%. Wartet man also nur ab bis der Krankenwagen kommt, ist der Schaden im Organismus durch den Sauerstoffmangel im Herz-Kreislauf-Stillstand so groß, dass ein Überleben aussichtslos ist.

Was müsst ihr tun? Hier die wichtigsten Schritte der Wiederbelebung oder der Erstversorgung eines Patienten:

Stellt euch die Schritte auch als eine Art Kette oder Rettungskette vor. Alle Glieder dieser Kette hängen zusammen. Wenn ein Glied reisst, funktioniert auch die Kette nicht mehr:

1. Erkennung des Herz-Kreislauf-Stillstandes und Absetzen des Notrufes

Achtet genau darauf, ob der Patient nur bewußtlos ist und eine normale Atmung vorhanden ist. Dann könnt ihr den Patient in die stabile Seitenlage bringen und Hilfe holen. Der Patient muss auf jeden Fall weiter betreut werden. Oder ob der Patient leblos ist, nicht mehr reagiert und auch keine normale Atmung mehr vorhanden ist. Eine normale Atmung ist leicht seh-, hör- und fühlbar und erfolgt normalerweise 10 bis 15 Mal pro Minute, also alle 4 bis 6 Sekunden ein Atemzug. Atmet der Patient nicht oder nicht normal, also vor allem zu langsam und zu flach, so ist dies als Zeichen eines vorhandenen oder drohenden Herz-Kreislauf-Stillstandes zu deuten. Ihr müsst mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen!

2. Beginn der Herz-Lungen-Wiederbelebung durch jedermann

Die Herz-Druck-Massage erfolgt 30x und die Beatmung 2x. Dies erfolgt im Wechsel und muss so lange durchgehalten werden, bis der Krankenwagen eintrifft. Sind mehrere Helfer vor Ort, solltet ihr euch nach etwas 4 bis 5 Minuten abwechseln, da die Herz-Druck-Massage sehr anstrengend ist. Ihr arbeitet also am besten im Team: Ein Helfer führt die Druckmassage durch, der andere beatmet. Die Eindrucktiefe beträgt 5 bis 6 cm und die Kompression des Brustkorbes erfolgt im Rhythmus von 100 bis 120 Mal pro Minute. Wenn ihr euch das jetzt schwer vorstellen könnt, gibt es eine gute Hilfe. Stellt euch einfach folgende, übrigens thematisch sehr passende, Lieder vor: Helene Fischer – Atemlos, Bee Gees – Stayin Alive, AC/DC – Highway To Hell.

3. Frühdefibrillation, um das Herz neu zu starten

In immer mehr Städten und auch Campingplätzen findet man sogenannte Defibrillatoren, Defis oder auch Schockgeber genannt, mit denen das Herz neugestartet werden kann. Falls ein solcher Apparat in eurer Nähe ist, was mache ich dann? Hole ich erst den Defi oder beginne ich zuerst mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung? Dr. Ingo Sagoschen empfiehlt ganz klar, nicht erst den Defibrillator holen, sondern sofort mit der Wiederbelebung zu beginnen, da sonst wichtige Zeit verloren geht. Erst wenn mehrere Ersthelfer vor Ort sind, können diese den Defi holen und ihn zusätzlich einsetzen. Der Defi ist zwar wichtig, das Herz wieder neu zu starten, ersetzt aber nicht die Maßnahmen zur Ersten Hilfe. Ist kein Defi am Unfallort vorhanden, wird die Frühdefibrillation erst vom eintreffenden professionellen Rettungsteam durchgeführt.

4. Postreanimationsbehandlung zur Behebung der Ursache und Erhalt der Lebensqualität

Die Postreanimationsbehandlung erfolgt mit dem Eintreffen des professionellen Rettungsteams und der Behandlung im Krankenhaus.

Alle Infos und Fakten zum Thema Wiederbelebung könnt ihr euch auch hier im Video anschauen. Ich habe Dr. Ingo Sagoschen von der Universitätsmedizin in Mainz dazu interviewt.

Wollt ihr wissen, wie das Ganze in der Praxis aussieht, dann schaut euch meinen Blog „Wiederbelebung in der Praxis“ an.

Euer

Camper-Coach